Horchheimer Sommertag!
Allgemeine Brauchtumspflege mit gehöriger Portion Lokalkolorit: Horchheimer Sommertag!


Sommereinholen und Winteraustreiben sind alte deutsche Über-lieferungen, die außer in Thüringen, in Böhmen und Schlesien auch in der Pfalz und in Rheinhessen ihren Fortbestand gefunden haben. Sie interessierten bereits die Brüder Grimm, die im 24. Kapitel ihrer „Deutschen Mythologie“ die Brauchfigurationen Stroh- und Laub-gestalt stilisierten, zu nordischen Riesen „beförderten“ und sie mit „Tod“ und „Winter“ gleichsetzten. Alles ist ganz heidnisch gedacht und gefasst, ist da bei Grimm nachzulesen. Der herbeigeholte, aus seinem Schlaf geweckte, tapfere Sommer, der überwundene, in den Dreck niedergeworfene, in Banden gelegte, mit Stäben geschlagene, geblendete, ausgetriebene Winter sind Halbgötter oder Riesen des Altertums. Die Tatsache, dass Lätare als „Totensonntag“ gefeiert wird, schien diese These zu bestätigen. Dass sie aber immer wieder durch neue Erkenntnisse verworfen wurde, stört nicht, denn hier in Rheinhessen, aber auch in der Kurpfalz ist der Brauch mit der ein-setzenden Aufklärung und Industrialisierung um 1800 zu einem harmlosen Kinder-Heischegang „mutiert“.

Nicht so in Horchheim, wo eine gehörige Portion Lokalkolorit hinzukommt; nämlich die Sage um den Fronhof. Obwohl es keine urkundliche Erwähnung und keine Schriftstücke von den Anfängen gibt, könnte es sich aber um ein Geschehnis handeln, das sich vor rund 500 Jahren zugetragen haben soll. Sie handelt von einer Frau, die ihr uneheliches Kind umgebracht hat und zur Sühne dafür auf dem Fronberg hingerichtet wurde. Vor ihrem Tod habe sie der Gemeinde ihren Besitztum mit der Auflage vermacht, dass alljährlich die Schulkinder der Gemeinde für ihr Seelenheil beten sollten. Und so ziehen die Horchheimer Kinder und alle, die daran teilnehmen wollen, jedes Jahr am Sonntag Lätare zum Gebet auf den Fronberg.



Dafür bekommt jedes Kind den traditionellen dreizackigen Sommertagsweck, der außerdem zu eigener Berühmtheit gelangte. Er wurde ob seiner eigenwilligen Formgebung 1983 in das Europäische Brotmuseum in Möllenfelde aufgenommen. Dieser wird von Orts- u. Stadt-Honoratioren hundertfach von einer Rolle - früher aus den Rathausfenstern - in die Menge geworfen. Anschließend formieren sich die Teilnehmer zu einem Festzug. Angeführt von einer Blaskapelle marschieren die Kinder, „Ri-ra-ro“ - in früheren Tagen: „Schtrieh, Schtrah, Schtroh, der Summerdag is do“ - singend, zum „Scheiterhaufen“, wo der „Winter“ in Form eines Schneemannes verbrannt wird. Während es sich in vielen Gemeinden lediglich auf den musikalisch begleiteten Gang und der anschließenden Verbrennung reduziert, ergänzen die Horchheimer Vereine den Zug noch mit Motivwagen, die zum Beispiel den Frühling, Hasen oder Maikäfer, einen Klapperstorch, eben Boten des herannahenden Frühlings, zeigen.